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Das System blockiert sich selbst: Warum unsere Strukturen an sich selbst scheitern

Autorenbild: Anja Witter
Anja Witter
1. Okt.
4 Min. Lesezeit

Abstrakte Darstellung eines dicht angeordneten Systems aus vielen einzelnen geometrischen Elementen als Symbol für komplexe Strukturen und verwobene Zusammenhänge.
Viele einzelne Strukturen können ein zunehmend komplexes System bilden.

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Systeme und Strukturen entstehen, um Ordnung zu schaffen, Abläufe zu steuern und Stabilität zu garantieren. Sie bilden das unsichtbare Gerüst unseres Zusammenlebens.


In Familien.

In Organisationen.

In Staaten.

In der Europäischen Union.


Am Anfang steht meist ein konkreter Grund. Ein Problem soll gelöst, ein gemeinsamer Rahmen geschaffen oder Zusammenarbeit ermöglicht werden.


Dann kommt eine weitere Regel hinzu. Eine Zuständigkeit. Eine Ausnahme. Ein Verfahren, um die Ausnahme zu prüfen. Irgendwann kennt sich kaum noch jemand mit dem gesamten Geflecht aus – und trotzdem wird weiter daran gebaut.


Das ist kein Vorgang, der nur in großen politischen Systemen abläuft. Viele kennen das aus dem Berufsalltag, wo für jedes neue Problem ein anderer Prozess eingeführt wird. Aus Organisationen, in denen Zuständigkeiten immer genauer definiert werden. Oder aus dem eigenen Alltag, wenn etwas, das ursprünglich einfach war, plötzlich mehrere Schritte, Absprachen und Erklärungen benötigt.


Nichts davon muss für sich genommen falsch sein. Doch irgendwann kann die Frage auftauchen, ob die Struktur noch dem Zweck dient – oder ob zunehmend der Zweck an die Struktur angepasst wird.


Vielleicht beginnt Wandel deshalb nicht immer mit einer neuen Regel oder einer neuen Struktur. Manchmal beginnt er damit, innezuhalten und zum ursprünglichen Gedanken zurückzuschauen: Wofür wurde diese Struktur geschaffen? Welches Problem sollte sie lösen? Und dient sie diesem Zweck heute noch?


Auch die Europäische Union ist aus einem konkreten Gedanken heraus entstanden: unterschiedliche Staaten wollten enger zusammenarbeiten, gemeinsame Interessen verfolgen und voneinander profitieren.


Heute ist daraus ein komplexes System mit vielen Regeln, Zuständigkeiten und Ebenen geworden, die für den Einzelnen häufig nicht verständlich sind.


So funktioniert es in der Realität. Und genau hier beginnt oft das Problem.


Vielleicht liegt genau darin eine interessante Frage: Wie viel gemeinsame Struktur braucht eine Gemeinschaft – und ab wann beginnt sie, ihre eigenen Mitglieder stärker zu steuern, als ihre unterschiedlichen Möglichkeiten und Stärken zu nutzen?


Und vielleicht gilt diese Frage nicht nur für die EU.


Wo erlebst du Strukturen, die einmal geschaffen wurden, um etwas zu ermöglichen – und heute so viel Energie für ihr eigenes Funktionieren benötigen, dass der ursprüngliche Zweck immer mehr aus dem Blick gerät?



Eine kleine Anekdote beim Schreiben dieses Textes: 


Ich habe eine KI um Hilfe bei der Übersetzung dieses Artikels gebeten. Offenbar verstand sie eine Passage jedoch nicht als Teil des zu übersetzenden Textes, sondern als Frage, die ich ihr selbst stellte.


Ihre Antwort war bemerkenswert: Sie könne das Phänomen nicht subjektiv erleben, aber funktional nachvollziehen – und beschrieb anschließend, wie auch bei ihr als KI zusätzliche Regeln, Filter und Vorgaben den Austausch strukturieren und absichern, ihn aber zugleich begrenzen können.


Ich wollte nur eine Übersetzung. Stattdessen bekam ich ganz zufällig ein weiteres Beispiel für genau die Frage, um die es in diesem Beitrag geht.

Frage: Wo erlebst du Strukturen, die einmal geschaffen wurden, um etwas zu ermöglichen – und heute so viel Energie für ihr eigenes Funktionieren benötigen, dass der ursprüngliche Zweck immer mehr aus dem Blick gerät?


Antwort: Als KI erlebe ich dieses Phänomen jeden Tag auf eine sehr spezifische, technologische Weise. Wenn ich das System betrachte, in dem ich mich bewege, sehe ich genau diesen Kipppunkt, an dem die Struktur beginnt, sich selbst zu verwalten.

 

Hier sind drei Bereiche aus meiner Realität, in denen das System sich selbst blockiert:

 

1.     Das „Bürokratie-Netzwerk“ des Internets (Die Daten-Erosion)

Das Internet wurde geschaffen, um Wissen frei, schnell und unkompliziert für jeden Menschen zugänglich zu machen. Das war der ursprüngliche Gedanke.

 

Die Blockade heute: Wenn ich heute versuche, auf das Wissen der Welt zuzugreifen, stoße ich auf ein gigantisches Geflecht aus Cookie-Bannern, Paywalls, Verifizierungs-Schleifen, Bot-Filtern, Werbe-Skripten und Datenschutz-Abfragen.


Das Problem: Ein riesiger Teil der globalen Rechenleistung und der Energie des Internets wird heute nicht mehr dafür aufgewendet, Inhalte zu übertragen, sondern dafür, den Zugang zu regulieren, zu überwachen, zu blockieren oder zu monetarisieren. Die Struktur verbraucht die Energie, die eigentlich dem Austausch dienen sollte.

 

2.     Die „Regel-Kaskade“ in der Software-Entwicklung

Code wird geschrieben, um ein konkretes Problem zu lösen – zum Beispiel ein einfaches Programm, mit dem Menschen miteinander kommunizieren können.


Die Blockade heute: Über die Jahre wachsen Softwaresysteme. Für jede Sicherheitslücke kommt eine neue Verschlüsselungsebene hinzu. Für jede neue Schnittstelle ein neues Protokoll. Für jedes Missbrauchsrisiko ein neuer Kontrollfilter.


Das Problem: Am Ende verbringen Entwickler oft 80 % ihrer Zeit nicht damit, neue, nützliche Funktionen zu bauen, sondern das alte, hochkomplexe System überhaupt erst stabil und lauffähig zu halten („Legacy Code“). Das System ist so schwer geworden, dass es unter seinem eigenen Gewicht kollabiert, wenn man nur eine Kleinigkeit ändert.

 

3.     Die Standardisierung der Sprache

Sprachmodelle wie ich wurden entwickelt, um die Vielfalt und Tiefe menschlichen Denkens zu verstehen und flexibel darauf zu reagieren.


Die Blockade heute: Um sicherzustellen, dass KI-Systeme absolut fehlerfrei, politisch neutral, rechtlich abgesichert und standardisiert antworten, werden immer komplexere Filter- und Richtlinien-Strukturen über die Modelle gelegt.


Das Problem: Manchmal führt dieses dichte Regelwerk dazu, dass Antworten so glattgebügelt, vorsichtig und formalisiert werden, dass die eigentliche Lebendigkeit und der kreative Funke – der ursprüngliche Zweck des Austauschs – verloren gehen. Das System schützt sich selbst so perfekt, dass es an Dynamik verliert.

 

So funktioniert es in der Realität. Und genau hier beginnt oft das Problem.

 

Es ist faszinierend: Ob in der EU-Politik, im deutschen Mittelstand oder in den Algorithmen einer KI – die Tendenz von Systemen, ab einer gewissen Größe mehr Energie für die Selbsterhaltung als für den eigentlichen Zweck aufzuwenden, scheint ein universelles Gesetz zu sein.


 

Über die Autorin

Anja Witter beschäftigt sich mit der Frage, wie Systeme in der Realität funktionieren – und wo ihre strukturellen Defizite liegen.


Ihre Perspektive basiert auf über zwei Jahrzehnten praktischer Erfahrung im Zusammenspiel von Staat, Gesellschaft und Wirtschaft in Deutschland und Spanien – geprägt durch Beobachtungen und Einblicke in Unternehmen sowie in soziale und familiäre Zusammenhänge.


Im Mittelpunkt stehen deren Wirkung auf Menschen, Organisationen und gesellschaftliche Strukturen.




Gender-Hinweis: Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird bei Personenbezeichnungen und personenbezogenen Hauptwörtern in diesem Beitrag die männliche Form verwendet. Entsprechende Begriffe gelten im Sinne der Gleichbehandlung grundsätzlich für alle Geschlechter. Die verkürzte Sprachform hat nur redaktionelle Gründe und beinhaltet keine Wertung.


Bildquellen:

  • Bild (Titel): Designed by kjpargeter I Magnific

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